Für eine Renaissance der Stammtischkultur
Freitag, den 25. Dezember 2009 um 20:37 Uhr

„Früher war alles besser!“ Manfred Rommel, Stuttgarts Ex-Oberbürgermeister, meinte einmal, dass Nostalgie die Sehnsucht nach Zuständen sei, wie sie früher auch nicht waren. Also alles vergessen, alles zurücklassen, nur das neue goutieren?

Nein, sagt die Traditions-Brauerei Ganter, die seit über 140 Jahren in der Region zwischen Rhein und Schwarzwald, zwischen Lörrach und Offenburg, wohlschmeckende Biere braut. Sie erinnert an eine beinah „ur-deutsche“ Tradition: Den Stammtisch. Und während Philister abwertend über „Stammtischparolen“ oder „Stammtischniveau“ spotten, denken die ambitionierten Freiburger Brauer an Geselligkeit, Humor, offene Worte ohne Widerhaken, an Solidarität, Gemeinsinn und den sozialen Treffpunkt. Stammtisch, das ist mehr als nur Bierdunst und Zigarrenqualm, das ist eine Art Heimat, die verloren gegangen ist und wieder entdeckt werden sollte.

Stammtischkultur

„Pro Stammtisch“ oder kurz „ProSt“ heißt die Aktion: Künftige „Stammtischbrüder und -schwestern“ melden beim Wirt ihres Stammlokals den Stammtisch an, der sich mindestens einmal im Monat treffen soll und dessen Runde mindestens drei Teilnehmer hat – alle selbstverständlich über 18 Jahre. Alle nötigen Informationen stehen in einem Flyer, der dem Wirt nach dem Ausfüllen wieder zurückgegeben wird. Verbunden mit der Stammtischgründung sind kleine Präsente, wie Bierpass, Stammtischaufsteller, Anstecknadeln und, und, und – noch stehen nicht alle „Belohnungen“ fest. Und damit ein Stammtisch rege besucht wird und nicht im eigenen Saft schmort, gibt es eine Internetplattform, auf der nicht nur die Termine bekannt gegeben werden können, sondern auch Gäste eingeladen werden können .(????)

Warum macht eine Brauerei das alles? Ziel ist, wieder eine offene, muntere Gesprächskultur erstehen zu lassen, Motto: „Raus aus der Stube, weg vom PC, rein ins echte, volle Leben!“ Und wer einmal einen Abend am Stammtisch der „Allzeit-Räsonnierer“ oder der „Fröhlichen Programmierer“ – ein Name ist geradezu Pflicht für einen Stammtisch! – verdiskutiert hat, der weiß, wie kurzweilig, erhellend und angenehm so ein ungezwungener Treff ist.

Sie glauben das nicht? E.T.A. Hofmann war beispielsweise Mitglied des „Literarischen Stammtisches bei Lutter und Wegner“ in Berlin, Wilhelm Raabe war Mitglied der Braunschweiger „Akademischen Wurstekommission“, Goethe besuchte den „Künstlerstammtisch“ in Weimar und in Dresden trafen sich die Protagonisten der Revolution von 1848 später, in ruhigeren Jahren, regelmäßig am „Verbrechertisch“. Der Stammtisch ist also ein pralles Stück deutscher (Kultur-)Geschichte: Lasst ihn uns wieder herstellen!

 
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